Elastische Räume: Wie Gebäude flexibel bleiben

Architektin Prof. Dr. Elisabeth Endres erklärt, wie elastische Räume dabei helfen können, Gebäude langfristig an neue Anforderungen anzupassen.
  • 9. Juni 2026
  • 4 min. Lesezeit
Prof. Dr. Elisabeth EndresProf. Dr. Elisabeth Endres
© Christiane Thoroe/ZKfN

Gebäude verursachen weltweit rund 37 Prozent der CO₂-Emissionen. Zugleich muss Architektur heute Antworten auf eine Zukunft mit unsicheren Klimabedingungen, veränderten Nutzungsanforderungen und knapper werdenden Ressourcen finden. Wie können Gebäude also so geplant werden, dass sie langfristig nutzbar, anpassungsfähig und ressourcenschonend bleiben?

Darüber sprechen wir mit Elisabeth Endres, Professorin für Gebäudetechnologie an der TU Braunschweig. Im Klima.Zukunftslabor OpenCultures beschäftigt sie sich gemeinsam mit interdisziplinären Partner*innen mit sogenannten „elastischen Räumen“ – also Räumen, die nicht nur für eine einzige Nutzung funktionieren, sondern flexibel auf gesellschaftliche und klimatische Veränderungen reagieren können.

Welche Rolle spielt der Gebäudesektor in der Klimakrise?

Der Gebäudesektor spielt in der Klimakrise eine große Rolle – vor allem im Bestand. Dort sind bereits viele Emissionen gebunden, weshalb die Frage wichtig wird: Was können bestehende Gebäude künftig leisten und wie können wir sie weiter nutzen?

Gleichzeitig verursacht der Gebäudesektor weltweit mehr als die Hälfte des Müllaufkommens. Außerdem werden über 90 Prozent der nicht erneuerbaren mineralischen Rohstoffe im Bauwesen verwendet. Deshalb müssen wir sowohl den Umgang mit Bestandsgebäuden als auch mit Neubauten neu denken.

Sie sprechen von „Elastischen Räumen“. Was bedeutet das?

Der Begriff „Elastische Räume“ ist bei uns am Institut ein so eingegangener Begriff. Er beschreibt Räume, die nicht auf nur eine einzige Nutzung zugeschnitten sind. Wir planen also nicht mehr ausschließlich maßgeschneiderte Räume für eine ganz bestimmte Aufgabe, sondern Räume, die unterschiedliche Nutzungen ermöglichen.

Ein elastischer Raum funktioniert beispielsweise sowohl für größere als auch für kleinere Gruppen. Er ist vielleicht nicht perfekt auf eine einzelne Situation optimiert, aber flexibel genug für viele verschiedene Anforderungen. Dabei geht es nicht nur um einzelne Gebäude, sondern auch darum, wie Räume künftig in der Stadtgesellschaft genutzt werden können.

Was bedeutet das konkret für Architekt*innen, die heute planen?

Zunächst stellt sich immer die Frage: Arbeiten wir im Bestand oder im Neubau?

Im Bestand sollten wir weniger darüber nachdenken, was ein Raum angeblich nicht kann, sondern stärker fragen: Welche Nutzungen sind bereits möglich? Statt Architektur komplett auf eine einzige Nutzung zuzuschneiden, geht es darum, vorhandene Qualitäten zu erkennen und weiterzuentwickeln.

Im Neubau wiederum können wir Räume von Anfang an so planen, dass sie langfristig flexibel nutzbar bleiben – etwa durch Raumhöhen, Belichtung oder Belüftung. So entstehen Gebäude, die sich auch an zukünftige Anforderungen anpassen können.

Können Sie ein Beispiel für einen Elastischen Raum nennen?

Wir stehen hier gerade selbst in einem Elastischen Raum – hier am Institut. Diese Etage war ursprünglich ganz anders geplant: mit Einzelbüros, größeren Büroräumen und einer dunklen Mittelzone mit Lüftungsanlage.

Heute ist daraus eine flexible Struktur geworden, die unterschiedlich genutzt werden kann. Man kann querlüften, es gibt unterschiedliche Temperaturzonen, verschiedene Raumtiefen und gute Belichtung. Genau diese Eigenschaften sorgen dafür, dass die Räume für sehr unterschiedliche Anforderungen geeignet sind.

Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, um über elastische Räume nachzudenken?

Wir müssen heute stärker darüber nachdenken, wie Gebäude möglichst lange genutzt werden können. Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur, in den nächsten zehn oder fünfzehn Jahren möglichst energieeffizient zu sein. Es geht auch darum, verbaute Materialien möglichst lange im Nutzungskreislauf zu halten.

Deshalb wird die Umnutzung bestehender Gebäude immer wichtiger – zum Beispiel bei Bürogebäuden, die künftig auch zum Wohnen genutzt werden könnten. Ein weiteres Thema an unserem Institut ist aktuell die Umnutzung von Kirchenräumen. Dabei stellt sich natürlich auch die gesellschaftliche Frage: Wie viel Kirche braucht unsere Gesellschaft künftig noch – und welche neuen Nutzungen können für diese Räume entstehen?

Welche Rolle spielt dabei das Klima.Zukunftslabor OpenCultures?

Bei OpenCultures betrachten wir den Begriff der Elastischen Räume interdisziplinär – gemeinsam mit Expert*innen aus Konstruktion, Tragwerksplanung und gesellschaftlicher Forschung. Dabei geht es nicht nur um technische Fragen, sondern auch um gesellschaftliche Akzeptanz: Wie gehen wir künftig mit veränderten Räumen um? Was bedeutet es, wenn Räume vielleicht etwas wärmer oder kälter sind oder stärker gelüftet werden müssen? Und wie offen ist unsere Gesellschaft für solche Veränderungen?

Genau diese Verbindung aus Architektur, Technik und gesellschaftlicher Perspektive macht das Thema für uns so spannend.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Endres!

Über Elisabeth Endres
Elisabeth Endres ist Professorin für Gebäudetechnologie an der TU Braunschweig und leitet dort das Institut für Bauklimatik und Energie der Architektur. In Forschung und Praxis arbeitet sie an der Schnittstelle von Architektur, Bauklimatik und technischen Systemen. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen robuste, langlebige und ressourcenschonende Gebäude mit möglichst geringer technischer Komplexität. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitet sie in der Geschäftsleitung des Ingenieurbüros Hausladen und beschäftigt sich in Forschung und Praxis mit nachhaltigen und klimaangepassten Gebäudestrategien. Elisabeth Endres ist außerdem Mitglied des neu berufenen Klimarats der niedersächsischen Landesregierung, der die Landesregierung wissenschaftlich fundiert, praxisnah und sozial ausgewogen bei der Umsetzung ihrer Klimaziele berät.

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